Umparken im Kopf: Denkanstöße

Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an die Opel-Werbekampagne "Umparken im Kopf", die vor einigen Jahren zur Rettung von Opels arg ramponiertem Markenimage geschaltet wurde - mit wenig Erfolg, soweit ich das beurteilen kann und darf. Nachdem Opel in meinem Kopf offenbar nicht umgeparkt hat, erscheint mir der Slogan nach wie vor gut und tiefsinnig. Je länger man darüber nachdenkt, desto wichtiger erscheint es, einfach mal im Kopf umzuparken. Ganz egal, um was es geht. Nun, auf dieser Seite geht es ums Stottern, und so soll das Stottern auch der vordergründige Aufhänger für meine Denkanstöße sein. Ihr werdet aber schnell bemerken, dass sich die Umparkerei auch in vielen anderen Lebensbereichen lohnen kann.

 

Die Texte dieser Rubrik sind nicht in meinem Buch enthalten. 


12. April 2020

Nur schade,  dass der Junge stottert

 

Inspiriert von der wunderbaren Filmszene aus "Asso" mit Adriano Celentano, in der er über einen anderen Kartenspieler mit der für ihn typischen Non-Chalance sagt: "Der Bengel ist wirklich nicht schlecht. Er blufft das Blaue vom Himmel ohne zu Zittern. Nur schade,  dass der Junge stottert".

 

Ja, wirklich schade, dass der Junge stottert. Was aber mindestens so schade ist:  die wenigsten Stotternden können dies bezüglich ihres eigenen Stotterns so locker sehen wie Adriano Celentano alias Asso. Denn Stotternde scheinen sich oft zu sehr über das eigene Stottern zu definieren – ich selbst habe den Fehler rund 40 Jahre lang gemacht. Die vielen anderen persönlichen Facetten geraten da gerne in Vergessenheit, werden regelrecht überschattet. Talentierter Handwerker, toptrainierter Ausdauersportler, musikalischer Mensch, humorvoller Typ, irre gutaussehender Kerl, die reinste Partykanone, hilfsbereit, großzügig, belesen, was auch immer … man könnte die frei erfundene Liste beliebig fortsetzen. Und bei einigen Menschen steht dann halt irgendwann auch „Stotternder“ auf der Liste – im Idealfall aber halt als eine Eigenschaft unter vielen und nicht als erster und letzter Eintrag der Liste.

 

Und ja, man kann es dann auch ruhig schade finden, dass man stottert. Denn niemand braucht sein Stottern wirklich, und ich unterstelle, dass die Mehrzahl der Stotternden auf ihr Stottern verzichten würden, wenn sie es könnten. Ich wage aber auch zu behaupten: jeder Stotternde, der auf die Frage „was würdest Du ändern, wenn Du  es könntest“ in Sekundenschnelle mit „nicht mehr Stottern“ antwortet, hat sein Stottern zu präsent. Es steht dann zu weit vorne auf der eigenen Liste der persönlichkeitsdefinierenden Merkmale. Und genau dann sollte man es wie Asso machen und dem “schade“ vielleicht mal eine Chance geben. Denn „schade“ ist genau betrachtet ein geradezu hervorragendes Konzept. Weil „schade“ nämlich ausdrückt, dass es nicht katastrophal, lebensbedrohlich oder ausweglos ist. Sondern eben einfach nur – Ihr ahnt es bereits – schade! Die Eleganz des Konzepts versteht man vielleicht am besten, wenn einem das „schade“ mal eine Zeit lang abhandengekommen ist. In einer depressiven Phase tut man sich zum Beispiel schwer, irgendwas einfach nur schade zu finden. Da ist dann alles sehr wohl katastrophal, lebensbedrohlich und ausweglos.  Ich plädiere also schlicht für mehr „schade“ im Umgang mit dem eigenen Stottern.

 

Ach ja, Humor und etwas Selbstironie helfen natürlich auch immer: so kann man mitunter auch dem flachsten Filmgag noch eine ungeahnte philosophische Tiefe abgewinnen.

[Jochen Praefcke, 12. April 2020]

 


Ein zutiefst unwissenschaftliches Buch über das Stottern.

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